leseproben

bosporustomografie

bos­po­rus­to­mo­gra­fie: angel­schnü­re scan­nen

das gekrepp­te meer die schwer­mut hier

ist eine leich­te dia­gno­se die alles

in balan­ce hält auf brü­cken­ge­län­dern

sit­zen kor­mo­ra­ne & ange­zähl­te akro­ba­ten

unter uns das grund­lo­se leuch­ten

ver­krus­te­te taue das stöh­nen & äch­zen

der an die fäh­ren gebun­de­nen kon­ti­nen­te

 

 

(aus dem Zyklus „clips“, 2019)

poesie

hori­zont: ein schnitt der land schafft & ent­fer­nung

ein­schmel­zen durch poe­sie zu einem start­punkt

sich abtra­gen an einem abge­lau­fe­nen

kon­zert­ti­cket ganz aus dem atem kom­men

als fer­ma­te gehen – aus­zu­hal­ten

 

 

(aus dem Zyklus „clips“, 2019)

n. statt • park

n. statt park                                                     

 

enten, ihr ruck­ar­ti­ges fort­schwim­men, gelb

schwillt das bäch­lein im park wie wir

sediert & unter den grenz­wert defi­niert:

das No-obser­ved-adver­se-effect-level-hus­ten

 

der spat­zen über­steu­ert & zu schnell

wach­sen­de gän­se haut auf unse­ren armen

die aus­ge­streckt mit kah­len ästen

in den him­mel ver­wach­sen, eine lupen­rei­ne

bon­sai­po­se, schon reißt es uns gegen

die zar­ten japangar­ten­brü­cken­pfei­ler

 

prallt kirsch­blü­ten­weiß die vol­le unschuld

: plas­tik tüten schwa­nen­häl­se, uns­re ab

getau­ten glet­scher & heiß gelieb­ten eis­bä­ren

ihre holo­gram­me win­ken im zoo

 

 

(aus: Versnetze_zwölf, Wei­ler­swist 2019)                               

safety • first

safe­ty first

 

münd­li­che anhal­tung im trep­pen­haus: bewah­ren Sie

hal­tung den rücken gera­de las­sen Sie die hand immer

am gelän­der auch im brand fall roll­trep­pen Sie nicht

schon gar nicht ab bmi grö­ßer 30 las­sen Sie alle fin­ger

von träu­men mit­ar­bei­te­rIn­nen & obst schnei­den nicht

bei ter­ror alarm blei­ben Sie sta­tisch & ler­nen Sie aus

wen­dig die fol­gen­den pik­to­gram­me: rote flam­me als

gefahr von toten­schä­deln Sie sich nicht selbst tra­gen

Sie kei­ne gekreuz­ten kno­chen zum klei­nen schwar­zen

gift­see aus dem tot ein fisch springt ein reagenz glas

fan­gen Sie nie die trop­fen mit Ihrer eige­nen haut aus-

rufe-zei­chen-stern oh stern! in Ihrer brust! hal­ten Sie

den atem an & sich nicht wei­ter auf in auf­zü­gen laut

spre­cher durch sagen beach­ten ein radio schal­ten die

tele­fo­ne nicht blo­ckie­ren nie sel­ber ret­ten lau­fen Sie!

im frei­en q u e r zum wind kin­der fort ins haus zie­hen

Sie alle! vor gän­ge aus dem ste­cker alle vor­hän­ge vor

Ihren krum­men buckel har­ren Sie unter! tarif­lich aus

bis unser öl arzt kommt viel­leicht gleich – first slaved

first ser­ved gez. Ihre Exxon­Mo­bil­Cor­po­ra­ti­on®

 

 

(aus: ]trash[pool #8, Tübin­gen 2018)

das sich auflösen

das sich auf­lö­sen

 

                                von trag­flä­chen bis nur schwe­ben

bleibt das pri­ckeln­de dia­mond-dust-flir­ren um

die stirn einen moment lang ewig wie phy­lo­ge­ne­se

oder das sprin­gen der ampel von rot auf grün

ein neu­er strom haut tan­zen­der genom­scha­blo­nen

im gegen­licht die umris­se abhe­ben­der hydran­ten

kris­tall­mu­ta­tio­nen neben­son­nen über dem glas

der kan­zel das schlie­ßen der augen­blen­de im meer

aus halos & fla­res ihr aus­ge­streck­ter arm die boe­ing

in der hand hoch über dem roll­stuhl flie­gen

 

 

(aus: STILL #5, Berlin/New York 2017)

n. • hommage an

n. • hom­mage an

 

mei­ne stol­ze stadt platzt wie­der

aus allen wurst­haut­näh­ten, senf­ge­spren­kelt

schla­gen män­tel sich mit plas­tik

tüten durch zum glüh­wein­stand

 

in mei­ne stadt füh­ren alle wege. zur zeit. mei­ne stadt

ist nicht rom. mei­ne stadt liegt nicht am meer. lei­der

 

doch in ihren buch­ten ankern

pan­ora­ma­bus­kreu­zer, bei flut

spült es hys­te­ri­sche müt­ter an

der hand hys­te­ri­scher kin­der

auf den weih­nachts­markt, über mei­ne stadt

fegen tou­ristents­u­na­mis

 

kyrie elei­son! doch kein advent erbarm­te sich je

 

am ende mei­ner flucht schim­mert

auf den frei­flä­chen mond

hel­ler parks der ein­sa­me rau­reif unbe­rührt

wie wei­ßer sand auf atol­len

 

über den ich wand­le, der auto­bah­nen ewi­ges

rau­schen tei­le in rau­schen & kna­cken

gefro­re­ner hun­de­ka­cke unter den camel boots

 

 

(aus: Nürn­ber­ger Nach­rich­ten, 27.11.2015)

body • poetry

body poe­try

 

das mond­licht spricht

dein haar ent­lang

 

& wo es auf­hört

erzäh­len dei­ne schul­tern

 

 

wei­ter

 

 

(aus: licht­still, St. Wolf­gang 2015)

park • das licht

park das licht

 

dort ruh­te die schwer­mut der stadt

unter judas­bäu­men, ihr ange­ris­se­ner schat­ten

 

sicker­te ins gras & was von ihm übrig blieb,

san­gen die spat­zen aufs dach des pavil­lons

 

ein regen aus jas­min weh­te ein mäd­chen weg

über den wei­ßen kies­weg ins halb­dunk­le

 

einer zeder, die allein stand wie alter gesang

 

lut­scher­dre­her, luft­bal­lons tru­gen ihre far­ben

den hügel hin­auf – hier war das licht

eine rei­ne form von blau, wir hiel­ten stil­le

 

in unse­ren hän­den, die umschlug in wind,

die wär­me ver­ros­te­ter schau­keln, schwe­re­los

 

stri­chen schwarz­stör­che über das gestrüpp,

in dem ein brun­nen unter­ging

& lie­ßen ihr dunk­les leuch­ten zurück

 

auf den rän­dern stau­bi­ger scha­len

 

 

(aus: Lyrik der Gegen­wart46 Feld­kir­cher Lyrik­preis 2014, St. Wolf­gang 2014)

blindsee nebel • katarakte
blind­see nebel kata­rak­te

 

schie­fer­grau streicht ein flü­gel über das

blei­weiß des berg­sees oder ist es eine klin­ge

die mir an die keh­le fährt im zwie­licht

 

zwi­schen wald­saum & alp­traum rutscht

die kör­nung des ufers löst sich

die kon­tur des zuletzt ver­läss­li­chen:

 

stein & herz­schlag – ab hier nur bil­der­lo­ses

rau­schen der nie­sel & kei­ne bewei­se

dass wir waren was wir nicht mehr sind

 

 

(aus: Blau­es Blatt #4, 2013)

van
van

 

der see ist ein flü­gel­lo­ser fal­ter

der schnee frisst aus den zäh­nen

des kau­ka­sus fällt ein fischer

in den staub vor ishak paşa

 

der palast der sieb­zehn stür­me

und ein esel der nach luft schreit

trägt zwei kör­be schau­keln

auf dem hori­zont gebun­den

 

schwarz wie abge­brann­te gebe­te

in einer zita­del­le dreh­te ein blick

sich um doch nur der fal­ke

kehrt zurück nach hoşap

 

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van­see             in ost­ana­to­li­en

ishak paşa       bur­g­ähn­li­cher palast; 17./18. jh.

hoşap              rui­ne einer burg­an­la­ge; 17. jh.

 

 

 

(aus: Ostra­ge­he­ge — Zeit­schrift für Lite­ra­tur und Kunst #61, 2011)

kritik • der reinen unvernunft (auf einer parkbank)
kri­tik der rei­nen unver­nunft

(auf einer park­bank)

 

jetzt nimm doch end­lich die zun­ge

wie­der raus so viel lie­be hält doch

kei­ner aus & du mach den mund zu

lass den kant auf & da

schon wie­der brüs­te die stehn

so gol­den nach süden & so voll

kom­men rund der hespe­ri­den­hin­tern

mit nem schwarz­st­ring unterm hauch

haut­dün­nem weiß & ner hand drauf

die darf das kann ja nicht wahr sein

da geht einem doch der rei­ne ver­stand

ins auge & das tran­szen­den­ta­le ich

auf in der hose & nicht mehr unter

 

 

 

(aus: Der Zet­tel — das Gedicht-Flug­blatt #106, Weß­ling bei Mün­chen 2004)